Gehirntraining
Sport macht schlau

Wer körperlich aktiv ist, steigert die geistige Leistungsfähigkeit –
das klappt auch im Alter

Die Aufgabe schien ein einfacher Reaktionstest zu sein: Bei einer Reihe von fünf „>“-Zeichen sollten Versuchsteilnehmer immer dann einen Knopf drücken, wenn zufällig ein Pfeil in anderer Richtung auf dem Bildschirm erschien. Doch hinter dem Experiment verbarg sich aufwendige Wissenschaft. Nicht nur, dass die Teilnehmer mit einem Magnetresonanz-
Tomographen verkabelt waren, der ihre Gehirnströme maß. Die Hälfte der 29 Probanden musste vor dem Test sechs Monate lang dreimal wöchentlich zum Aerobic-Training und absolvierte Laufübungen. Ganz schön anstrengend, vor allem weil die Teilnehmer allesamt älteren Semesters waren – zwischen 58 und 77 Jahren.

Joggen für die grauen Zellen

Natürlich hatten die Mitarbeiter des Beckmann Institutes der Universität von Urbana in den USA mit der Untersuchung weit mehr im Sinn als einen Reaktionstest. „Wir haben festgestellt, dass die Gruppe der sportlich aktiven Teilnehmer die Aufgabe schneller und besser bewältigte“, berichtet Arthur Kramer, der Leiter der Studie. Das Ergebnis der Untersuchung: Sport hält das Gehirn fit – auch im Alter. Vermutet haben Neurobiologen und Sportwissenschaftler das schon seit langem. Bereits in den 1960er-Jahren leisteten Forscher der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln Pionierarbeit, als sie in Experimenten mit Tieren und Menschen beobachteten, wie gezieltes körperliches Training auch Einfluss auf die Gehirnfunktion hat.

Sport gegen Demenz
Dank der so genannten funktionalen Magnetresonanz-Spektrometrie können Wissenschaftler heute einige der Vorgänge im menschlichen Gehirn verfolgen. „Die körperliche Aktivität verbessert die Plastizität des Gehirns, auch im Alter, und kann mitunter das Fortschreiten von Demenz bremsen“, erklärt Wildor Hollmann, Professor für Kardiologie und Sportmedizin an der DSHS.

Kraftstoff für das Denkorgan
Unter körperlicher Belastung setzt der Körper eine ganze Reihe von Vorgängen in Bewegung:

Die Durchblutung von bestimmten Regionen im Gehirn wird verstärkt. So gelangen im Blut befindliche Wachstumsfaktoren in die Nervenzellen.

Dort werden bestimmte Nervenwachstumsfaktoren vermehrt gebildet. Sie sind Voraussetzung für ein langes Leben und einwandfreies Arbeiten der Nervenzellen.
Auch die Anzahl der Synapsen – die Verbindungen der Nervenzellen untereinander – wird erhöht. Erst diese Zell- Brücken ermöglichen das Lernen und Merken.

Sport als Stimmungsaufheller
Doch regelmäßiger Sport verhilft nicht nur dem Denkorgan zu erhöhter Leistung. „Körperliche Aktivität beeinflusst auch die Psyche bei einer Depression positiv“, erklärt Heiko Strüder, Leiter des Instituts für Individualsport an der DSHS. Ausdauertraining soll vermehrt körper eigene Opioide („Glückshormone“) sowie den Nervenbotenstoff Serotonin freisetzen. Von den Opioiden weiß man, dass sie in vielfältiger Weise die Psyche beeinflussen. „Mit einem gezielten Ausdauertraining könnten möglicherweise Stimmungsveränderungen erreicht werden, die mit der Wirkung von Antidepressiva vergleichbar sind“, vermutet Strüder. Der Mediziner will das in weiterführenden Studien überprüfen.

Laufen statt sprinten
Ob als Therapie gegen Depressionen oder zum Erhalt und zur Steigerung der Gehirnleistung wichtig ist, dass die richtigen Übungen gemacht werden. Gewichte heben oder ein 400-Meter-Sprint zum Beispiel fördern die Leistung des Denkorgans nicht. Vielmehr raten Experten zum „allgemeinen aeroben dynamischen Ausdauertraining“. Das heißt: Nicht mehr als ein Sechstel der gesamten Skelettmuskulatur darf beansprucht werden, und der Körper sollte immer genügend Sauerstoff durch die Atemluft bekommen. Besonders geeignet sind also „leichtes Joggen, Radfahren oder Schwimmen“, erklärt Wildor Hollmann.

Sport treiben ja, aber nur in Maßen

Doch man sollte es mit dem Sport nicht übertreiben. „Im Gegensatz zu gut dosiertem körperlichen Training führen Überbelastungen von längerer Dauer zur Rückbildung von Dendriten“, warnt Hollmann. Dendriten sind Bestandteile von Nervenzellen und leiten die Nachrichten von einer Zelle an die andere weiter. Forscher haben an Ratten sogar beobachtet, wie zu viel körperliche Aktivität im Gehirn zu einer Rückbildung des Hippocampus (Organisator des Langzeitgedächtnisses) führte.

Der beste Beweis, dass gezielte körperliche Bewegung den Geist belebt, dürfte übrigens Wildor Hollmann selbst sein. Seit 1965 hat der mittlerweile emeritierte Professor den Lehrstuhl für Kardiologie und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule inne. Von geistiger Müdigkeit keine Spur – noch immer arbeitet er 60 Stunden in der Woche. Ausgleich verschafft sich der Sportmediziner natürlich durch Sport. Zweimal die Woche spielt Hollmann zwei Stunden Tennis. Sein Alter: 79 Jahre.

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(Bildnachweis: Foto: LiquidLibrary/ DynamicGraphics)

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