Hörprobleme
Wenn die Welt um uns herum immer leiser wird

Schwerhörigkeit kommt meist ganz langsam. Viele bemerken die schleichende Verschlechterung des Hörvermögens lange Zeit nicht. Wie Schwerhörigkeit entsteht, und wie Sie sie erkennen.

Wie bitte? Sie hören schlecht? Dann geht es Ihnen wie rund 15 Millionen Ihrer Mitbürger. „Oft kommen Patienten und sagen: Ich denke, ich höre gut, aber meine Familie beklagt sich, der Fernseher sei zu laut, und sie könnten nicht mehr richtig mit mir telefonieren“, berichtet Professor Jan Helms, Direktor der Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Würzburg, aus seinem Alltag.


Das schlechte Gehör kommt oft schleichend
Schlechteres Hören nach einem Hörsturz, einem Unfall oder einer Entzündung wird meist schnell bemerkt. Aber das schleichende Leiserwerden bleibt Betroffenen relativ lange verborgen und fällt häufig zuerst den Angehörigen auf. Je nach Lebenssituation wird es als Party- oder Konferenzschwerhörigkeit bezeichnet; man kann das gesprochene Wort bei Umgebungslärm wesentlich schlechter verstehen, beispielsweise im Wirtshaus.

Schwerhörigkeit hat viele verschiedene Ursachen
Es gibt unterschiedliche Formen von Hörschäden. Im Mittelohr entstehen sie durch chronische Entzündungen des Trommelfells, Ergüsse oder Verletzungen. „Solche Mittelohrschäden operieren wir hier in Würzburg rund 1000-mal im Jahr.“, sagt Helms Ein geplatztes Trommelfell, etwa durch eine saftige Ohrfeige, lässt sich in 90 Prozent der Fälle reparieren. Bei chronisch-entzündlichen Hörschäden notiert die Statistik 65 bis 90 Prozent Verbesserung – so, dass der Patient sagt: ‚Die Operation hat sich gelohnt.‘
Bei den meisten Schwerhörigen ist das eigentliche Sinnesorgan, die Hörschnecke, in Mitleidenschaft gezogen. Ursachen waren früher Berufslärm, heute sind es häufig Diskoschäden. Töne in höheren Frequenzbereichen werden schlechter wahrgenommen – genau die aber braucht man, um Sprache zu verstehen.

Nach sieben Jahren ist das Ohr entwöhnt
„Diese Schäden sind wesentlich belastender, weil man sie medizinisch nicht in den Griff bekommt“, sagt Helms. „Nach dem Stand der Wissenschaft lassen sich die geschädigten Sinneszellen in der Hörschnecke nicht ersetzen. Man kann sie aber mit stärkerer Information füttern, so dass sie auch bei begrenzter Funktion noch nützlich sind. Dazu muss man Hörgeräte anpassen.“
Nach Ansicht vieler Hörgeräteakustiker kommen Leute, die sich ein Hörgerät anpassen lassen wollen, im Schnitt sieben Jahre zu spät. Das Problem: Das Ohr ist dann entwöhnt, es "erinnert" sich nicht mehr an bekannte Sprachmuster. Weil das High-Tech-Hörerlebnis anfangs „falsch“ klingt, müssen sich die meisten Hörgeschädigten zunächst an die neue Klangwelt gewöhnen.

Viele Hörgeräte liegen nur in der Schublade
Schätzungen zufolge liegen etwa die Hälfte der in Deutschland jährlich verkauften 300000 Hörgeräte bei den Patienten ungenutzt herum. Hier ist es in erster Linie wichtig, dass Mediziner und Akustiker den Patienten aufklären und ermutigen. Sinnvoll ist es zudem, den Umgang mit dem anfangs lästigen Fremdkörper im Ohr und der zunächst ungewohnten Technik regelmäßig zu üben und nicht locker zu lassen. Gut Ding will Weile haben – die Schwerhörigkeit ist schließlich auch nicht von heute auf morgen gekommen.

Wichtig: tägliches Training
Für Patienten, die ein Hörgerät verordnet bekommen haben, heißt es zunächst einmal: Üben! Zum einen die Handhabung des Geräts. Zum anderen müssen sie ihr Gehirn schulen, damit es die zunächst ungewohnte neue Reizzufuhr durch das Hörgerät richtig verarbeitet. Von teuren Schulungen rät der Professor Helms jedoch ab. Ein besseres und effektiveres Training sei es, wenn der Patient das Gerät täglich von morgens bis abends trägt.

„Man sieht auch Brillen, Toupets und dritte Zähne“

Was Rudi Carell über das Leben mit der Schwerhörigkeit sagt

Herr Carrell, Sie tragen seit einiger Zeit Hörgeräte und stehen auch öffentlich dazu. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie ein Hörproblem haben?

Das war bei der Arbeit in geschlossenen Räumen. Da ist immer Hall, von den Wänden, von der Decke. Bei unserer Sitzung vor der Sendung von „7 Tage, 7 Köpfe“ habe ich gemerkt, dass ich meine Kollegen kaum verstehen konnte. Das war vor etwa vier Jahren. Ich hab dann einen Test gemacht und dabei festgestellt, dass ich viel zu schlecht höre.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie das wahrhaben wollten?

Ich hab einfach gespürt: „Moment mal, da stimmt was nicht.“ Nicht wahrhaben wollen, das kam für mich nicht in Frage. Jetzt trage ich auf beiden Seiten Im-Ohr-Geräte.

Sind Sie schon mal blöd auf Ihre Hörgeräte angesprochen worden?

Nein, das nicht. Aber man sieht es auch gar nicht. Das ist toll, gerade wenn man im Fernsehen ist. Und selbst wenn man es sehen würde – man sieht auch Brillen, Toupets oder dritte Zähne. Für mich ist es etwas ganz Normales und ich verstehe nicht, warum viele Leute ausgerechnet bei Hörgeräten Schwellenangst haben. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Opa früher mit der Hand am Ohr versucht hat, alles zu verstehen, oder dass diese komischen Hörgeräte früher 40, 50 Zentimeter lang waren. Heute ist die Technik so sensationell weit, dass das Hörgerät an sich kleiner ist als die Batterie.

Das „Forum Besser Hören“ hat Ihnen kürzlich die Alexander-Graham-Bell-Medaille für Ihr öffentliches Engagement um mehr Hörbewusstsein verliehen. Wie kam es dazu?

Als ich gehört habe, dass so viele Menschen Schwellenangst haben, dachte ich: „Da kann ich doch etwas dagegen tun“, und habe mich geoutet. Seither ist es zum Running Gag geworden, dass ich auch Witze darüber mache. Indem man über etwas lacht, macht man es normal. Ich habe mich nicht um diese Medaille beworben. Aber als ich sie bekam, hab ich gesagt: „Ja, ich hab tatsächlich etwas dafür getan.“

Gibt es auch mal Situationen, wo diese Teile im Ohr Sie gewaltig stören?

Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil: Seit ich Hörgeräte trage, habe ich schon vier Leute aus meinem Testament gestrichen.

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